Rund acht Prozent der Männer und rund 0,8 Prozent der Frauen werden mit einer Deuteranopie geboren. Der umgangssprachlich als »Grünschwäche« bezeichnete Gendefekt im 23. Chromosom führt dazu, dass Grün-, Orange-, Gelb- und Rottöne lediglich als unterschiedliche Nuancen ein und derselben Grundfarbe wahrgenommen werden. Bei weiteren rund ein Prozent der Männer führt ein rezessiv vererbtes Gen auf dem X-Chromosom zu einer Protanopie, einer »Rotschwäche« – diese Menschen können Rot- und Grüntöne nicht unterscheiden.

Beiden Farbfehlsichtigkeiten ist gemeinsam, dass ihre Auswirkungen für die Betroffenen im Alltag eher gering sind. Nicht selten wissen diese nicht einmal, dass ihre Farbwahrnehmung begrenzt ist. Auch für die normale Teilnahme am Straßenverkehr gelten die Einschränkungen als vernachlässig- oder zumindest kontrollierbar; zwar gibt es Einschränkungen für das Führen von Großfahrzeugen und die Personenbeförderung, ansonsten geht man aber gemeinhin von der Annahme aus, dass bei entsprechend konzentrierter Fahrweise lediglich mit einer leicht erhöhten Reaktionszeit in bestimmten Situationen zu rechnen ist.

Genau hier beginnt die Herausforderung für die Gestaltung von Einsatzfahrzeugen: Feuerwehrfahrzeuge sind rot, vielfach mit einem Gelbton als Kontrastfarbe. Rettungsdienstfahrzeuge haben in der Regel hohe Rot- und/oder Gelbanteile in ihrer Farbgebung und THW, Polizei und Ordnungsämter nutzen Blau als Kennfarbe. Gleichzeitig hängt ihre Sicherheit einer Einsatzfahrt immer wieder auch von der Reaktionsgeschwindigkeit der anderen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer ab. Aus diesem Grund werden bei modernen Einsatzfahrzeug-Designs Grundsätze aus der Gestaltpsychologie genutzt, um Elementanordnungen und Kontraste so einzusetzen, dass sie die gewünschte Wahrnehmung der Fahrzeuge unterstützen.

Was aber, wenn der Kontrast eines Frontrasters oder einer Warnmarkierung für den Betrachter oder die Betrachterin nur sehr schwach ausgeprägt ist? Was wenn bei einem angeleuchteten Fahrzeug die reflektierenden Elemente statt einer klaren Struktur nur eine indifferente Masse an sich gegenseitig überstrahlenden Schattierungen ergeben?

Feuerwehr GW
Militärfahrzeug
Feuerwehr GW
Militärfahrzeug

Diesen und weiteren Fragestellungen in Bezug auf die Auswirkungen von Farbfehlsichtigkeiten auf die Wahrnehmung von Einsatzfahrzeugen will design112 in den nächsten eineinhalb Jahren nachgehen. Ziel ist dabei die unternehmensinternen Gestaltungsgrundsätze so anpassen zu können, dass ein weiterer Schub für die Verkehrssicherheit erreicht wird. Zwar setzt design112 schon heute allgemeine Farbwahrnehmungssimulationen in Rahmen der Entwurfserstellungen ein, diese sind aber langfristig kein Ersatz für spezialisierte, auf die Bedürfnisse der Einsatzfahrzeuggestaltung zugeschnittene, Systeme. Die für die Simulation von Druckfarben entwickelten Lösungen stoßen nämlich ausgerechnet wenn es um reflektierende und fluoreszierende Materialien unter nicht optimalen Lichtbedingungen geht an Grenzen. Mithilfe der Rückmeldungen von real Betroffenen will design112 nun diese Grenzen verschieben.

Dieser Text erschien in leicht geänderter Form auch im design112-Magazin 2022.

design112 Studie

Sind Sie von Farbfehlsichtigkeit betroffen? Dann würden wir uns gerne mit Ihnen unterhalten.

Wir planen Einzelgespräche und Gruppendiskussionen mit Menschen mit eingeschränkter Farbwahrnehmung. Die Gespräche können sowohl bei uns im Haus als auch als Videokonferenz durchgeführt werden. Wenn Sie Interesse an einer Teilnahme haben, schicken Sie uns bitte eine E-Mail an: info@design112.de